Bundesweit lag die AfD 2018 bei Umfragen zwischen 13 und 16 Prozent. Der Trend sorgte in regierungsnahen Kreisen für Unruhe. Friedrich Merz versprach anlässlich seiner Kandidatur zum Parteivorsitzenden der CDU, man bekäme die AfD kurzfristig zwar nicht weg, „aber halbieren kann man sie“. Was aus diesem Versprechen geworden ist, wissen wir seit der vorgezogenen Bundestagswahl vom 23. Februar. Das Ergebnis der AfD nicht halbiert, sondern im Verhältnis zur vorausgegangenen Wahl verdoppelt. Zwar fielen in Bayern (noch?) alle Direktmandate an die CSU, die AfD legte aber auch hier kräftig zu. Das war nicht überall gleich. 

Das zeigt ein Blick in den Landkreis Erding. Während sich hier die landesweite Tendenz durchsetzte, gab es innerhalb des Landkreises Wahlbezirke, in denen es der AfD gelang, die CSU zu überholen. Dabei war die CSU bemüht, mit AfD nahen Themen und Forderungen den Ultrarechten den Wind aus den Segeln zu nehmen. In einer bayernweiten Anzeigenkampagne versprach man: „Deutschland wieder in Ordnung zu bringen  - Migration zu begrenzen - Wirtschaft fördern – Bundeswehr stärken“. Doch viele der Angesprochenen erwarteten sich das nicht von der CSU, sondern von der AfD und wählten entsprechend das Original. So zum Beispiel in der Gemeinde Taufkirchen, der drittgrößten Gemeinde im Landkreis Erding mit ca. 11000 Einwohnern. Die größten hier ansässigen Betriebe sind das Polstermöbelwerk Himolla mit 1100 Beschäftigten und das Kbo – Isar – Amper – Klinikum mit 700 Beschäftigten. Also von strukturschwach kann nicht die Rede sein. Armut ist kein zentrales Problem. Die Arbeitslosenquote lag im Landkreis Mitte 2024 bei 2,5 Prozent. Aber warum sind dann so viele Leute unzufrieden? 

Es scheint eher ein Gefühl zu sein, das mit Identität zu tun hat. Der englische Publizist David Goodhart spricht von einer Spaltung der Gesellschaft in zwei radikal verschiedene Lebens- und Fühlweisen. Er spricht von „Somewheres“ (sog. Dagebliebene). Die sich über einen Ort bzw. über eine Nation definieren. Für sie sei Veränderung eine Demütigung und sie fühlten sich als „Opfer des Wandels“. Die andere Gruppe seien die „Anywheres“, die sich eher nicht verorten lassen. Die keinen festen Bezug zur Nation hätten. Anders ausgedrückt: „die Gewinner und Bewohner der globalen Urbanisierung“. In AfD Zusammenhängen werden anywheres oft als „linksgrün Versiffte“ bezeichnet. Was man sich darunter vorzustellen hat, kann von ihnen nicht genau definiert werden. Bemerkenswert ist schon, dass es einer neoliberalen Wirtschaftspartei gelingen konnte, sich zum Sprachrohr einer Bevölkerungsgruppe zu machen, die objektiv von dieser Partei nichts zu erwarten hat. 

Aber zurück zu Taufkirchen.Im Gemeinderat sitzen drei Mitglieder der AfD. Der Chef dieser Truppe ist Martin Huber, der aus einfachen Verhältnissen kommt und das Maurerhandwerk gelernt hat. Nach eigenen Angaben früher ein begeisterter Fan von F.J. Strauß, ging er 1989 zur CSU-Abspaltung „Die Republikaner“ und wurde als REP-Gemeinderat das Gesicht der neuen Partei im Landkreis. Er erhoffte sich einen schnellen Aufstieg. Der blieb aber aus, da sich die Partei gründlich zerlegte. Huber blieb weiterhin im Gemeinderat und wurde später von der AfD übernommen. Mit ihr schaffte er es 2023 in den Bayerischen Landtag. Das Ziel war erreicht. Wird Huber auf problematische Aussagen seiner Partei angesprochen, antwortet er meist, ihm gehe es nur um „unsa Hoamat“, die es zu bewahren gelte. Zu verteidigen gegen alle, denen diese „Hoamat“ nicht „am Herzen“ liege. Und da ist man halt schnell bei der „Überfremdung“. „Hoamat“ ist dann auch der Verbrenner (Diesel) in der pompösen Garage des Einfamilienhauses. Wenn dann eine Regierung wie die Ampel an die Heizung ran will, geht‘s bei den Freunden vom Huber Mart ans Eingemachte. Da hört sich der Spass auf. Im Gemeinderat – alle drei sind Mitglieder bezw. Ersatzmitglieder im Bauausschuss – gelten sie als umgänglich. 

In Taufkirchen wurde politisch nie kontrovers diskutiert. Gäbe es die AfD nicht, könnten die drei Gemeinderäte mit ihren Ansichten auch in der CSU oder bei den Freien Wählern sein. In Taufkirchen ist man als AfDler kein Exot. Sicher würden sich die meisten der AfD Wähler (noch) nicht offen dazu bekennen. In den Dörfern ist man da vorsichtig. Das wird sich noch ändern, da die AfD in Taufkirchen und Umgebung dabei ist, die CSU als stärkste Kraft punktuell abzulösen. Wer es nicht glaubt, sollte sich die Ergebnisse der aktuellen Bundestagswahl anschauen: Im Gemeindeteil Gebensbach holte die AfD 39,2% und die CSU 38,6 %. Im Wahlbezirk Taufkirchen 3 überholte die AfD (30,6%) die CSU (28,3%).

Und wie ist es mit Dorfen?

Auch in Dorfen ist die Zunahme der AfD-Stimmen bei der Bundestagswahl erschreckend, aber doch nicht so gravierend wie in Taufkirchen. Das hat mehrere Gründe. So hat sich der politisch bewusstere Teil der Bevölkerung in Dorfen seit Jahrzehnten aktiv gegen die diversen Versuche rechter Gruppierungen, in der Stadt Fuß zu fassen, gewehrt. Erinnert sei an die Aktionen gegen die Republikaner*. Später waren es dann die Kameradschaften, die NPD und schließlich die AfD. Zwar sitzt seit der letzten Kommunalwahl ein AfDler im Stadtrat, er führt aber ein eher unauffälliges Dasein. Trotz alledem kein Grund nachlässig zu werden.

* Im Jahr 1993 war es zu einer Reihe von Störaktionen gegen Republikanerveranstaltungen und Infostände in Dorfen, Taufkirchen, Hinterskirchen und Lengdorf gekommen. Organisiert wurden diese Aktionen nicht zuletzt von uns, der agi international.

Termine

7.04.25 | 19:00 - 21:00
| Stammtisch

AGI Stammtisch
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10.04.25 | 20:00
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Bayerische Briefe - von Weiß-Blau zu Schwarz-Braun
Dorfen, GIKS
14.04.25 | 20:00
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AGI Arbeitstreffen
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AGI Arbeitstreffen
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| Film

Favoriten
Taufkirchen, Kinocafé
21.04.25 | 19:00 - 21:00
| Stammtisch

AGI Stammtisch
Dorfen, GIKS
28.04.25 | 19:30
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„Dem Tod davongelaufen“
Dorfen, GIKS
1.05.25 | 11:00 - 12:30
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1. Mai Kundgebung
Dorfen, Unterer Markt

"Erwarte keine andere Antwort als die deine."

Bertolt Brecht

Aus "An den Schwankenden"