Wieso hört bzw. liest man eigentlich kaum etwas über die Ungerechtigkeit, dass Kinder, die keinen Anspruch auf Kindergeld haben, auch keine Coronahilfen bekommen? Da sitzen Hunderte von Kindern zuhause und sollen am Homeschooling teilnehmen! Als Kinder von Asylbewerbern und Geduldeter leben sie in Asylunterkünften, die vielerorts wie hier im Landkreis Erding über keine oder zumindest keine belastbaren Internetzugänge verfügen.

Durch den Distanzunterricht entstehen in diesen Fällen zusätzliche Kosten, die sich die Betroffenen vom Regelsatz (309 €  für 6-13 jährige), d.h. vom Essen und den anderen Dingen des täglichen Lebens absparen müssen! (In einigen Fällen erhalten Asylbewerber nicht einmal den vollen Regelsatz!)

1 Tag Unterricht über Teams benötigt ca. 5 GB, das sind bei 22 Schultagen/Monat 110 GB. Dies hat zur Folge, dass für sehr viel Geld Volumen nachgekauft werden muss (10 GB = 15 €, somit 165 € pro Monat), entweder in Form von Nachbuchungen oder einer Prepaid-SIM-Karte.  Bei vorhandenen Prepaid-SIM-Karten sind die Kosten teilweise noch höher (durch die Schufa-Problematik bekommen Asylbewerber mit Duldung keine anderen Verträge).

Während alle Kindergeld-berechtigten Kinder 2020 einen Bonus in Höhe von 300 € bekamen, gibt es  für diese Kinder keine zusätzliche finanzielle Unterstützung durch den Staat oder den Landkreis. 

Auch bei der jetzt beschlossen Coronahilfe  sind Kinder ohne Kindergeldbezug wieder außen vor.  Keine zusätzlichen Hilfen sind geplant. Und wer kein Hartz 4 beantragen kann, bekommt für seine Kinder vom Jobcenter oder einer anderen Behörde  auch kein digitales Endgerät finanziert. 

Diese Kinder leiden in dieser Zeit der Pandemie doppelt und dreifach! So leben in den Unterkünften des Landkreises  immer noch kinderreiche Familien in einem (!)  Zimmer, die vom Kleinkind bis zum pubertierenden Geschwister wegen Corona zurzeit nahezu ständig zuhause sein müssen. In diesem Zimmer findet alles statt: Essen, Schlafen, Spielen, Unterhalten und auch Lernen. Wie hier Lernen möglich sein soll, weiß der Himmel. Zusätzlich hängt (wie in den Dorfner Unterkünften bereits wiederholt der Fall) das Damoklesschwert der Quarantäne über den Unterkünften. Abstands-und Hygieneregeln sind in Gemeinschaftsküchen, Toiletten und Duschen für bis zu 60 Personen nicht so leicht einzuhalten, wie es sich unsere Politiker vorstellen. Unterkünfte als mögliche Hot Spots interessieren so lange nicht, bis die Bürger aufgebracht sind. Gefundenes Fressen für ausländerfeindliche Scharfmacher.

Die Erfahrungen seit Beginn der Pandemie vor fast einem Jahr blieben ungenutzt. Die Chancen für eine Risikominimierung durch eine großzügigere Belegung der Unterkünfte wurden versäumt. Warum hier das Landratsamt nicht einen pandemiegerechten Plan umsetzt und aktiver bei der Wohnungssuche hilft, bleibt angesichts der angeblich hohen Infektionsschutzpriorität ein Rätsel.

Richtig helfen kann diesen Kindern zurzeit eigentlich niemand. Betretungsverbote der Unterkünfte und die aktuellen Kontaktsperren verhindern einen Nachhilfeunterricht durch freiwillige Helfer. So werden die Kinder und Jugendlichen durch mangelhaftes bzw. fehlendes Internet und ohne Unterstützung endgültig  von jeglichen Bildungschancen abgehängt.

Klar, die Pandemie kostet viel Geld. Aber warum muss man eigentlich immer bei den Ärmsten anfangen zu sparen? Dass sich diese Frage überhaupt stellt, ist nicht nur beschämend, sondern auch ignorant gegenüber unseren eigenen Kindern. Schließlich sind Kinderarmut, Ausgrenzung, fehlende Unterstützung der Stoff künftiger Probleme. Alles was wir heute nicht mit einer gerechten und menschfreundlichen Politik lösen, wird unseren Kindern morgen als sozialer Konfliktstoff auf die Füße fallen.

Termine

8.12.22 | 20:00
| Film

Liebe, D-Mark und Tod
Taufkirchen, Kinocafé
10.12.22 | 14:00
| Demo

Solidarisch durch die Krise
Landshut, Rathaus/Altstadt

"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen."

Theodor W. Adorno

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