Über das vielbesprochene Buch eines Realschullehrers

Eigentlich müsste er mit seiner Situation mehr als zufrieden sein. Er, das ist Jonas Schreiber, ein junger Realschullehrer aus der Münchner Gegend. Er ist verbeamtet, kann also nach seiner beruflichen Tätigkeit mit einer saftigen Pension rechnen. Er hadert auch nicht mit dem bayerischen Schulsystem, das ihm die schwierigeren Schüler (zumeist männlich) vom Leibe hält. Meint man. Schreiber sieht das anders. Und wie er das sieht, hat er sich auf 250 Seiten von der Seele geschrieben. Außerdem hat er eine national bekannte Persönlichkeit für das Vorwort gewonnen: Boris Erasmus Palmer, Ex-Grüner und Oberbürgermeister von Tübingen, außerdem hochbegabt.

Mit diesem Namen im Rücken schildert er seinen „Lehreralltag Ein Blick hinter die Schulkulisse“ (Titel). „Mit scharfem Blick, trockenem Humor und viel Herz schildert er Geschichten, die zum Lachen bringen – und zum Nachdenken zwingen.“ So ist es dem Klappentext zu entnehmen. Hat man das Buch gelesen, bleibt von Humor und Herz nicht mehr viel übrig. Man muss übrigens dieses Buch nicht gelesen haben. Lehrerinnen und Lehrer aller Schularten kennen aus ihrem Alltag genügend skurrile Geschichten. Schüler und Eltern ebenso.

Zurück zu Herrn Schreiber. Er legt Wert darauf, ein harter Hund, also ein „strenger Lehrer“ zu sein. Wie drückt sich das aus? Während die Kollegen den SchülerInnen den „Toilettengang“ während des Unterrichts erlauben, geht das bei ihm nicht. Erwischt er einen Schüler bzw. eine Schülerin beim Spicken, gibts keine Verwarnung, einzig die Note 6.
Dass Verweise nichts bewirken, sieht auch der strenge Lehrer so. Aber ihm geht‘s um‘s Prinzip. Bei ihm wird in jeder Stunde ausgefragt. Er bezieht sich da auf einen seiner ehemaligen Lehrer. „Es war grauenvoll, aber effizient….An dem Tag, als ich mich entschloss, Lehrer zu werden, wollte ich es genau so machen. Es war mein Ziel, auf diesem Weg Schülern, den genauso faulen Schülern wie ich es damals gewesen war, jedes einzelne Mal in den Hintern zu treten.“ Den KollegInnen, die das alles weniger streng handhaben, unterstellt er Resignation. Seine Hefteinträge sind „etwas länger“, was ihn bei seinen SchülerInnen nicht beliebter macht. Schreiber kommt vom Leistungssport und trifft auf Schüler, die in der Mehrheit im Fach Sport nicht den größten Ehrgeiz entwickeln. Schließlich ist es kein Vorrückungsfach. Der Junglehrer muss öfters zur Schulleitung zum Rapport. Was hat er angestellt? Natürlich nichts!

Da er an seine SchülerInnen hohe Anforderungen stellt, diese aber „bockfaul“ sind, sind die Notenschnitte bei Schulaufgaben nicht selten schlechter als 4,2. Das wirft kein gutes Licht auf das Erfolgsmodell Realschule. Schreiber erwähnt Notenschnitte im Fach BWR (Betriebswirtschaftslehre/Rechnungswesen) von 5,27 bzw. 5,37. Am Lehrer kann es nicht liegen. Sein Unterricht ist an den Interessen der SchülerInnen orientiert, bzw.  wie er sie interpretiert. Er will sie fitmachen für eine Welt, „in der ihr euch wirklich durchsetzen müsst“. Er will ihnen z.B. klarmachen, dass sie später von der gesetzlichen Rente nicht viel zu erwarten haben. „Schließlich wollte ich die Schüler für diese Problematik sensibilisieren, damit sie später nicht böse aufwachen und feststellen, dass die gesetzliche Rente eine reine Illusion war.“  Und die SchülerInnen? Anstatt ihm dankbar zu sein für seinen lebensnahen Unterricht: „ein einziges Desaster“! 

In seiner knappen Freizeit  liest er „das Buch „Der Weg zur Knechtschaft“ von Friedrich Hayek und ein weiteres Werk über den wilden Werdegang von Javier Milei und dem liberalen Argentinien.“ * Und damit die geneigten LeserInnen wissen, wo sich der Betriebswirtschaftsexperte politisch verortet, fügt er zur Erläuterung noch an. „(Randnotiz: Speziell ersteres ist Pflichtlektüre für alle, die wirtschaftlich verstehen wollen, wieso der Sozialismus immer in den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Untergang führt)“. 
Schreiber war sehr angetan von seiner Freizeitlektüre und überlegte, wie er die Erkenntnisse daraus in den Unterricht einbauen könnte. „Ich entschloss mich, die Begriffe Freiheit und Gleichheit aus liberaler und sozialistischer Sicht auseinanderzupflücken. ...Und weil ich gerade im Flow der Unterrichtsvorbereitung war und meine Gedanken nur so sprudelten, schob ich noch eine weitere Stunde Planwirtschaft inklusive historischer Beispiele wie UdSSR, DDR oder Maos China hinterher.“ Die SchülerInnen sollen lt. Schreiber von seinen Sprudeleien sehr angetan gewesen sein.

Also doch Licht am Horizont im „pädagogischen Irrenhaus“? 

Vielleicht. Randnotiz: Rechte Lehrer indoktrinieren ihr SchülerInnen nicht, das machen nur die sog. Links-versifften 68er. Dass Schreibers Unterricht auch den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen Raum gibt, erkennt man an einer anderen Stelle im Buch. Eine Kollegin (Frau Müller) soll sich gegenüber einer Schülerin mit Migrationshintergrund sehr negativ über eine Partei „xy“, also über die AfD, geäußert haben. Schreiber habe dann im Unterricht mit den SchülerInnen das Programm der Partei behandelt und festgestellt, dass die Vorwürfe vor allem, was Abschiebung bzw. Remigration betrifft, nicht zuträfen. Natürlich trägt Frau Müller „Gesundheitssandalen“. 
Ein Kapitel widmet der Autor der Ungerechtigkeit, dass muslimische Schüler für das Zuckerfest Unterrichtsbefreiung beantragen können. Sie würden damit gegenüber nichtmuslimischen Schülern bevorzugt. „Das war nicht nur unfair, sondern auch diskriminierend allen anderen Schülern gegenüber.“ Sollte einmal die AfD den Kultusminister in Bayern stellen, könnte die Abschaffung dieser „Diskriminierung“ ein wichtiger Reformschritt werden. Kostet auch nichts. Schreiber würde sich sicherlich freuen. Dass sich Schüler mit migrantischen Wurzeln weiterhin als Syrer, Palästinenser, Türken etc. verstehen und nicht zuvörderst als Deutsche, selbst wenn sie bereits die deutsche Staatsbürgerschaft haben, stößt ihm unangenehm auf. Für ihn ist das alles „völlig absurd und nicht nachvollziehbar“. Schreibers Buch ist genau genommen ein Plädoyer gegen das in Bayern bestehende Schulsystem und damit für ein einheitliches Schulwesen, das die Kinder und Jugendlichen nicht aussondert. Um die Aussonderung aufrecht zu erhalten, ist man bereit, Anforderungen anzupassen und in der Öffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, es würde schon alles seine Richtigkeit haben. Insofern ist die Kritik des Realschullehrers nicht ganz abwegig. Aber es ist eine Kritik von rechts, die die Rückkehr zu einem Zustand einfordert, den es in der Form nie gab. Ganz platt wird Schreiber, wenn er die Aussage trifft: „Jeder kann auch mit dem niedrigsten Schulabschluss im späteren Verlauf seines Lebens alles erreichen.“ Dazu fällt mir nichts mehr ein.

* Friedrich Hayek ist einer der wichtigsten Vertreter des Neoliberalismus und hielt wenig von einer sozialen Marktwirtschaft. Javier Milei ist Präsident von Argentinien (der Mann mit der Kettensäge). Er ist ein Bewunderer der Politik von Donald Trump. Wenn also Schreiber einerseits für eine radikale Form des Kapitalismus (Neoliberalismus) plädiert, widerspricht das seinem gleichzeitigen Eintreten für die soziale Marktwirtschaft.

Termine

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AfD und Rechtsruck entgegentreten
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7.09.26 | 19:30
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OT: Die AfD zwischen Regierungsmacht und Parteiverbot
Dorfen, GIKS
21.09.26 | 19:30
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AGI Arbeitstreffen
Dorfen, GIKS
23.09.26 | 18:00
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Kognitive Kriegsführung und die Rolle der Medien
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Kundgebung gegen Sozialkahlschlag
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30.09.26 | 19:00
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Wem gehört die Zukunft?
München, NS-Dokuzentrum
7.10.26 | 19:00
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Sozialkahlschlag und Militarisierung in der Region Erding
Erding, AWO-Café

"Die majestätische Gleichheit vor dem Gesetz verbietet es Reichen wie Armen, unter den Brücken zu schlafen, Brot zu stehlen und auf den Straßen zu betteln"

Anatole France